Nervös wippe ich mit dem Fuß, während ich durch die regennasse Scheibe des Busses nur verschwommen rote und weiße Lichtflecken auf den nächtlichen Straßen ausmachen kann. Langanhaltendes Hupen und Sirenengebrüll vervollständigen die Szene, in der ich die Nebenrolle der respektlosen Zuschauerin spiele, die wegen des alltäglich fast stillstehenden römischen Verkehrs zu spät zu einer Lesung erscheint und sich Entschuldigung wispernd durch die engen Reihen des missmutigen Publikums drängen muss.Nervously I tap my toes, while through the rain-wet window pane of the bus I can only recognize blurry red and white spots of light on the nightly streets. Long-lasting honking and screaming sirens complete the scenery, in which I myself play the supporting role of a disrespectful audience member, that shows up much too late to a reading because of the daily almost stagnant traffic.
Die Hauptrolle gehört heute nämlich Martin Walser, der sich auf den Weg in die ewige Stadt gemacht hat, um hier aus seinem neuesten Roman vorzulesen. Dieser Umweg ist auf den zweiten Blick nicht gänzlich abwegig ist, denn wir befinden uns schließlich in der Stadt, in der Goethe - Walsers Protagonist - mehrere Jahre gelebt und mit Sicherheit auch geliebt hat; genauer gesagt, legt Walser genau in dem Raum seine Brille aufs Lesepult, in dem Goethe selbst des öfteren seinen römischen Freunden vorgelesen hat. Im ehemaligen Atelier Tischbeins versammeln sich also eine gute handvoll Deutsche, um das Eintreffen des bekannten Schriftstellers zu erwarten.
The leading role today is given to Martin Walser, who came all the way to the eternal city to read from his newest novel. This detour is on the second view not that odd, because after all, this is the city, in which Goethe - Walser's protagonist - had lived and loved for several years. To be exact, Walser lays down his glasses on a reading desk in the exact same room, where Goethe himself many a time used to read to his Italian friends. In the former workshop of Tischbein a couple of Germans have gathered to await the arrival of the famous author.
Als dieser nun also nach ausführlicher Einführung und standesgemäßem nicht enden wollendem Beifall hinter das Pult tritt, scheint er zuerst ein wenig geniert und sogar etwas unsicher nach den passenden Worten zu suchen, um den groben Zusammenhang zwischen den zu lesenden Textpassagen zu erklären. Doch als er den Blick auf seinen Text senkt, um eine humorvolle Szene mit Goethe und seiner Geliebten vorzutragen, muss ich feststellen, dass er ein unglaublich mitreißender Vorleser ist (was bei einem guten Schriftsteller keineswegs die Regel darstellt!). Sichtlich genießt er die heitere Stimmung des Publikums und schreckt nicht davor zurück auch die Szene von Goethes nächtlicher Zwiesprache mit seinem "Teil" in derselben temperamentvollen Weise vorzulesen. Die letzte Textstelle, die er auswählt, endet mit einem melancholischen Goethe, der sich desillusioniert die Unerfüllbarkeit seiner Liebe zu der 55 Jahre jüngeren Ulrike eingestehen muss. Und als Walser seine Lesung in dieser Atmosphäre beendet, steigt er hastig vom Rednerpult herunter, während er sich mit einem zerknüllten weißen Stofftaschentuch schnell Schweiß aus dem Gesicht und möglicherweise auch eine kleine Träne aus einem Augenwinkel wischt.
As the awaited one finally steps behind the reading desk after a detailed introduction and then a long applause, he at first seems a little embarassed, searching maybe a little nervously for the right words to explain the rough context between the passages he wants to read. But as he lowers his sight on the book to recite a hilarious scene between Goethe and his beloved Ulrike, I realize that he is an inredible powerful reader. Obviously he enjoys the cheerful mood of the audience and also does not start back from reading the scene of Goethe's nightly dialogue with his "thing" in the same temperant manner. The last passage that he chose to read ends with a melancholic Goethe, who has to acknowledge the fact that his love towards the 55 years younger Ulrike has to remain unfulfilled. And when Walser finishes his reading in this atmosphere he hastily climbs off the reading desk, while he pulls out a crumpled-up white handkerchief with which he weeps off some sweat from his face and maybe a little tear out of a corner of the eye.
1 Kommentar:
Und? Hast du dir das Buch signieren lassen? Wäre auch gerne dabei gewesen ;-)
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