Wenn man im regnerischen Alltag versunken ist, sich die Bücher mit italienischer Grammatik, Vokabeln und banaler Kinderliteratur auf dem Tisch stapeln und einem die tägliche Pasta fade vorkommt, kann einem eine solche Frage berechtigt vorkommen. Zugegeben, global gesehen ist es wohl nicht besonders hilfreich die italienische Sprache zu beherrschen. Außerdem sind die Mieten in Rom teuer, die Heizungen dafür aber kalt. Die Busse sind unzuverlässig und die Straßenverkäufer lästig. Das Fernsehprogramm dämlich und die Männer aufdringlich. Die Nachbarn laut, der Verkehr mörderisch. Also was kann ich an diesem furchtbaren Ort nur so anziehend gefunden haben?
When being immersed in a rainy everyday life, with books of Italian grammar, vocabulary and trivial children's literature piling on the desk only with the daily pasta dish as a monotonous interruption of the studies in prospect, this kind of question seems appropriate. Truth be told, globally seen it is obviously not of great importance to be proficient in the Italian language. Also the rents in Rome are high, but the heaters unfortunately cold. The busses are unreliable and the street vendors annoying. The TV program dull and the men sleazy. The neighbors noisy, the traffic murderous. So what was it about this horrible place that I thought so enticing?Vielleicht war es ein Kunstwerk, das mir seit meinem ersten Besuch der ewigen Stadt einfach nicht aus dem Sinn ging. Ziemlich naiv stand ich vor fünf Jahren im Petersdom vor einer Marmorskulptur, in der ich dank meiner rudimentären kunsthistorischen Kenntnisse die trauernde Maria mit dem Leichnam des erwachsenen Christus auf dem Schoß erkennen konnte. Dass dieses Werk aber einen so namhaften Urheber hat, ahnte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Und auch von jeglicher religiöser Verehrung war meine Faszination für dieses

Meisterwerk völlig losgelöst. Und doch hat mich die Pietà von Michelangelo mehr berührt als es je ein anderes Kunstwerk bis heute vermochte. Noch nie hatte ich einen tatsächlichen Stein gesehen, der so weich, so fließend, so zart, so traurig, so verletzlich und so erhaben aussah wie dieser. Die Aura dieser Figuren hielt mich mehrere Minuten gefangen, bevor ich mit dem Rest der Gruppe meinen Weg fortsetzen musste. Aber die Begeisterung nahm ich mit mir.
Maybe it was a particular piece of art that I could not get off my mind since my first visit of the eternal city. Five years ago I found myself simpleheartedly looking at a marble sculpture in Saint Peter, that I was able with my rudimentary knowledge of art history to identify as the mourning Holy Mary with the dead body of Jesus Christ on her lap. At this point I was absolutely clueless about the well-known creator of this masterpiece. And my admiration was also absolutely isolated from any possible religious worship. Yet still the Pietà by Michelangelo had touched me more than any other work of art was ever able to touch me. Never had I seen an actual stone, that looked so soft, so flowing, so tender, so sorrowful, so vulnerable and so sublime like this one. The aura of the sculpture held me captured for several minutes until I was forced to continue my way with the rest of the group. But the pure fascination I took with me.
Vielleicht war es aber auch die italienische Sprache selbst, die mir eine intensive Auseinandersetzung wert schien. Tatsächlich kam ich schon früh in Berührung mit ihr, aber im Klavierunterricht waren Bezeichnungen wie "Adagio", "Fermate" oder "Pianissimo" damals nur eine Terminologie, die ich losgelöst von irgendeinem Sprachfluss auswendig lernen musste und verwendete. Erst später im Kontext der schönen Literatur fielen dann Namen wie Dante, Petrarca oder Boccaccio, die in ihren Werken zum ersten Mal eine Sprache verwendeten, die man als "volgare" bezeichnete, dessen Klang mir aber alles andere als ordinär schien.
But maybe it even was the language itself, that seemed to me to be worth a closer occupation. In fact I early came into contact with Italian, but in my piano lessons names like "adagio", "fermate" or "pianissimo" were mere terminology, that I had to memorize and use totally detached from any speech-flow. It was not until later in the context of belles lettres that I was confronted with names like Petrarca, Dante or Boccaccio, who for the first time used for a language for their works, that was called "volgare", but which sounded anything but vulgar to me.Und vielleicht war es auch kein Zufall, dass kurze Zeit später statt rockigen Gitarrenriffs plötzlich virtuos gesungene Koloraturen oder angenehme Vibrati meine Stereoanlage immer öfter zum Beben brachten. Ganz zu schweigen von meinen eigenen bescheidenen stimmlichen Erfolgserlebnissen auf Italienisch, die eine geduldige und aufmerksame Lehrerin aus meinem ungeübten Körper heraufbeschwören konnte. Schnell wurde mir bewusst, wie ideal sich das Italienische eignete, um zu Musik erhöht zu werden und eine traumhafte ar

tistische Gefühlswelt zu erschaffen, die einzig auf der Opernbühne zu vollendeter Realität wird. Kein Wunder also, dass die Geburtstätte dieser Kunstform hier in Italien zu finden ist.
And maybe it wasn't a coincidence that shortly afterwards my speakers were not longer rattling of rock guitar riffs but were trembling of masterly sung coloraturas or pleasant vibratos. Not to mention my own humble vocal experiences of achievement in Italian, that a patient and attentive teacher was able to extract from my untrained body. Soon I realized how ideally the Italian language qualified for being elevated into music and thus creating a dreamlike artistic world of sentiment, that solely can be put into its perfect reality on the opera stage. No wonder that the birthplace of this art form is to be found here in Italy.Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick' ich
Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?
Ahn' ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer,
Zu ihr und von ihr zu geh'n, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht' ich Kirch' und Palast, Ruinen und Säulen,
Wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei; dann wird ein einziger Tempel,
Amor's Tempel, nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.
(I. Römische Elegie, Johann Wolfgang von Goethe)
Aber vielleicht war es auch etwas gänzlich Unbestimmbares, das mich in diese Stadt gelockt hat. Etwas, das schon viele Schriftsteller gespürt haben müssen und das zu zahllosen Kunstwerken inspiriert hat und immernoch inspiriert. Ob Edgar Allan Poe oder Rainer Maria Rilke, Friedrich Hebbel oder Horaz, Franz Grillparzer oder Oscar Wilde; sie alle wurden berührt von der Schönheit dieser Hauptstadt der Welt mit ihren unzähligen Kunstschätzen, deren Ausstrahlung allgegenwärtig ist und einem in der reinen Betrachtung eine Ahnung von jener Ewigkeit offenbaren kann, die mit diesem Ort so selbstverständlich in Verbindung gebracht wird.
However, maybe it was something completely undefinable, that lured me into this city. Something, that many authors have felt; that inspired them to innumerous pieces of art and still does. Edgar Allan Poe or Rainer Maria Rilke, Friedrich Hebbel or Horaz, Franz Grillparzer or Oscar Wilde; all of them were touched by the beauty of this capital of the world and its many art treasures, whose presence is ubiquitous and can reveal in the sheer observation a glimpse of that eterny, which is always so naturally associated with this piece of ground.
The Coliseum
Lone ampitheatre! Grey Coliseum!
Type of the antique Rome! Rich reliquary
Of lofty contemplation left to Time
By buried centuries of pomp and power!
At length, at length - after so many days
Of weary pilgrimage, and burning thirst,
(Thirst for the springs of love that in thee lie,)
I kneel, an altered, and an humble man,
Amid thy shadows, and so drink within
My very soul thy grandeur, gloom, and glory.
[...]
These crumbling walls; these tottering arcades;
These mouldering plinths; these sad, and blacken'd shafts;
These vague entablatures; this broken frieze;
These shattered cornices; this wreck; this ruin;
These stones, alas! - these grey stones - are they all;
All of the great and the colossal left
By the corrosive hours to Fate and me?
[...]
(The Coliseum, Edgar Allan Poe)
In solchen Gedanken versunken lehne ich mich in meinem Stuhl am Schreibtisch zurück und bemerke ein paar zaghafte Sonnenstrahlen, die durch meine zugezogenen Vorhänge fallen. Ich stehe auf, ziehe die Gardinen zurück und öffne beide Balkontüren. Ich halte kurz inne; mit ausgebreiteten Armen und Händen an den Türflügeln hindere ich diese daran wieder zuzufallen und atme die noch regenschwere Luft. Dann kehre ich zu meinem Arbeitsplatz zurück. Nach wenigen Mausklicken ertönt ein lyrisches "Quando m'en vo" aus den viel zu kleinen Lautsprechern, bevor ich mich draußen auf dem Balkon auf einer kleinen Holzbank niederlasse und die letzten Sonnenstrahlen des Tages die aufgeschlagenen Buchseiten der "Canzoniere" und meine eigenen Gesichtszüge erhellen.
Engrossed in this trail of thoughts I lean back in my chair at my desk and notice a few timid rays of the sun, that gleam through my closed curtains. I get up, part the drapes and open both of the balcony doors. I pause; with outstretched arms and hands I prevent the leafs from closing again and breathe the air that is still heavy with rain. Then I return to my working place. After few mouse clicks a lyrical "Quando m'en vo" sounds from my much too small speakers; after that I take a seat on the small wooden bench on the balcony and let the last rays of the day enlighten the pages of the "Canzioniere" and my own soft facial features.