Dienstag, 3. März 2009

Galleria Borghese

Als ich in den ersten Saal der Galleria Borghese gelange, stockt mir der Atem; für die Schülergruppen, die hastig nochmal ihre vorbereiteten Referate durchblättern, ist der Anblick der Marmorskulptur kein Grund, um Plaudereien und Gelächter zu unterbrechen. Andere Leute strömen hektisch an mir vorbei. Den Audioguide wie einen alten Telefonhörer immer ans Ohr gepresst schauen sie mit offenem Mund an die Decke oder beugen sich mit zusammengekniffenen Augen über die Absperrung vor einem Gemälde, um ein wichtiges Detail zu begutachten. Ich warte ein paar Minuten bis der Raum sich beruhigt hat, bevor ich langsam Berninis "Raub der Proserpina" von allen Seiten betrachte.

As I enter the first hall of the Galleria Borghese, I find myself stunned. The view of the marble sculpture is no reason for a group of students to stop flipping through their prepared presentations or to interrupt laughter and chat. Another group of people flocks in. Pressing the audioguide to their ears like an old handset they stare up to the ceiling with gaping mouths or bend over a cordon in front of a painting to examine an important detail. A few minutes later the room has calmed down and I can slowly circle around the "Rape of Proserpina" by Bernini.

Mehrere Scheinwerfer tauchen die weiße Marmorskulptur in ein weihevolles Licht. Vom aufgewühlten Haar bis zu den unnatürlich gekräuselten Zehenspitzen; die Panik der Proserpina ist offensichtlich. Vergebens stützt sie sich mit einem Arm von Plutos Haupt weg, der das Objekt seiner Begierde fest umschlungen hält. Muskelberge spannen sich an seinem ganzen Körper an, während seine kräftigen Finger besitzergreifend in das Fleisch ihrer Taille und Schenkel greifen. Wie die eines energischer Liebhaber erfassen seine leidenschaftlichen Hände die widerwillige Proserpina. Es ist sanfte Gewalt, die der sonst so unerbittliche Gott der Unterwelt an dem üppigen Mädchen übt. Er wird sie mit sich nehmen. Und über diese Gewissheit kann sie einige Tränen der Trauer, die ihr über die Wangen laufen, nicht bezwingen.

Several spotlights bathe the white marble sculpture in a solemn light. From the ruffled hair down to the unnaturally crinkled tiptoes; the Proserpina's panic is obvious. With a slender arm she vainly pushes away the head of Pluto, who keeps his object of desire embraced tightly. Muscles tighten all over his body, while his energetic fingers dig possessively into the flesh of her waist and thigh. His passionate hands grasp the reluctant Proserpina as does a vigorous lover. It is soft power, that the otherwise relentless God of the Underworld exerts on the voluptuous girl. He will take her with him. And considering this certainty she cannot refrain from crying a few tears that run softly down her cheek.

Im nächsten Saal fällt weiches Licht auf eine andere Szene von unerwidertem Verlangen. Hier sind es aber zwei Jugendliche, die auf den ersten Blick in ein kindliches Spiel verwickelt zu sein scheinen. Apolls Gesicht ist zart und entspannt, während Daphne in Schrecken und Abneigung die schmalen Lippen zu einem stummen Schrei öffnet. Ihre Fußnägel verwachsen schon mit der Erde, ihre Fußsohlen erweitern sich zu gewelltem Blattwerk. Von hinten ist Daphne bereits Lorbeerbaum. Ein knorriger Stamm ist dort, wo ihr wohlgeformtes Gesäß war. Schenkel, Kniekehlen und Waden - alles ist nur noch trockene Baumrinde. Auch die schmale Hand des Gottes, die sich gierig auf den Unterleib der Nymphe legt, berührt keine junge, straffe Haut mehr, sondern nur rauhes Holz. Die Hoffnung auf erfüllende fleischliche Vereinigung schwindet in genau diesem Moment, den Bernini hier verewigt hat. Vielleicht ist Apolls Gesichtsausdruck deswegen auch nicht entspannt. Sondern schon enttäuscht.

In another hall a mild light is shed on yet another scene of unrequited desire. But here the viewer is confronted with two adolescents, that at first sight seem to be involved in a childish game. Apollo's face is soft and relaxed, while Daphne opens her thin lips in terror and disgust. Her toenails already grew together with the ground, the soles of her feet extended to curly leafage. Seen from behind Daphne is already a laurel tree. A gnarly trunk is where her well-shaped bottom has been. Thighs, hollows of the knees, calfs - all of these are just dry bark. Even the hand of the young God, that avidly takes hold of the nymph's stomach, does not touch young and firm skin but rather crude wood. The hope for fulfilling carnal fusion vanishes right this moment. Maybe Apollo's facial expressions aren't relaxed. But rather frustrated.

Ich schlendere ruhig von einem genialen Kunstwerk zum nächsten. Fast zu viele Meister sind hier an einem Ort versammelt, zu viele Meisterwerke, um sie in zwei Stunden aufnehmen zu können. Diesmal bleibt mein Blick an einem Gemälde hängen. Ein schmächtiger Knabe steht im unverkennbaren Dunkel des Caravaggio. Sein Blick senkt sich mit Abscheu auf seine Hand, deren Finger sich in den Schopf eines Kopfes vergreifen. Es ist ein unnatürlich großer Kopf, das Haupt seines Opfers. In der anderen Hand hält der Junge noch das Schwert, mit dem er jenem erwachsenen Mann das Leben genommen hat. Rote Adern und Sehnen baumeln aus dem durchtrennten Hals. Das letzte bisschen Blut tropft an ihnen aus dem grauenerregenden Antlitz. In widerspenstiger Wut sind noch die großen Augen ungleich weit aufgerissen, seine Stirn ist noch zornig gerunzelt. Doch keine Gefahr geht mehr von diesem Monstrum, von Goliath, aus. David war skrupellos.

I drift from one ingenious piece of art to the next. Almost too many masters are gathered at this place, too many masterpieces to be absorbed in only two hours. This time I stop in front of a painting. A slight boy is standing in the unmistakable darkness of a Caravaggio. In disgust he looks down to his hand that takes hold of a head. An unnaturally big head, the head of the boy's victim. In his other hand he still holds the sword, with which he took the life of this grown man. Red veins and tendons dangle out of the severed neck. The last bit of blood drips out of the atrocious visage. In unruly anger his big eyes are still wide open, his forehead is still furiously wrinkled. But the monster Goliath is no danger anymore. David was ruthless.

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