Dienstag, 23. Dezember 2008

Wo steht denn bei Ihnen der Rotkohl? - Does this store also carry german red cabbage?

Wie kommt man am besten in die richtige Weihnachtsstimmung? Das habe ich mich in den letzten Wochen gefragt und versuchte es mit: Geschenke einkaufen in dichtgedrängten Einkaufspassagen, einem Weihnachtskonzert in San Giovanni in Laterano, den Plastik-Weihnachtsbaum schmücken, selbst gemachtem Glühwein und natürlich Bing Crosby. Aber erst heute hatte ich das einzigartig weihnachtliche Erlebnis einen Tag vor Heilig Abend Zutaten für ein "proper christmas dinner" zu besorgen. Das nämlich hat mir der morgige amerikanische Küchenchef aufgetragen; dazu sollte ich noch "some typical german christmas things" beschaffen, was mich im ersten Moment leicht unruhig gemacht hat. Was sind denn typische deutsche Weihnachts-"Sachen"? Mir fiel dann zum Glück der Glühwein ein, der wie ich hoffte dazu eingesetzt werden konnte, vergessen zu machen, dass ich keine anderen kulinarischen Köstlichkeiten aus der Heimat beisteuern konnte. Aus zuverlässiger Quelle erhielt ich dann den Tipp für Apfel-Rotkohl, den ich also auch brav auf meine jetzt schon lange Einkaufsliste schrieb.

How do I get into the christmas spirit? That is what I asked myself during the past few weeks and tried with shopping for christmas presents in the crowded shopping miles of Rome, a christmas concert in San Giovanni in Laterano, decorating the plastic christmas tree, self-made "Glühwein" and of course Bing Crosby. But only now I had the pleasure of making the unique christmas experience of going shopping for "a proper christmas dinner" on the day before Christmas Eve, since this is what tomorrow's chef had instructed me to do. In addition I was supposed to get some "typical german christmas things" as well, what at first struck me with awe. What in heaven's name are typical german christmas things? Fortunately I remembered the hot wine, which I hoped could be used to make the chef de cuisine forget about me not being able to contribute any other german delicacy. Fortunately a reliable source then suggested me red cabbage, which I thus happily added to my already long grocery list.

Frisch und guter Dinge verließ ich dann heute Morgen das Haus, um den nächsten Supermarkt aufzusuchen, der vollgestopft mit kleinen italienischen Mamas war, die mit ihren riesigen Einkaufswägen die Gänge verstopften, während sie mit einem Bündel mir unbekannten Gemüses in der Hand in eine lebhafte Diskussion mit der nächsten Verkäuferin vertieft waren. Die Schlange an der Kasse verlangte dementsprechend viel Geduld; in dieser Wartezeit konnte ich aber schon überlegen, welche Dinge ich nicht gefunden hatte und in welchem Supermarkt ich als nächstes mein Glück versuchen könnte. Dieses Spiel wiederholte sich dann in vier verschiedenen Märkten. Und wahrscheinlich war noch nie jemand so glücklich über ein Glas Rotkohl, den ich endlich im LIDL - ja, die gibt es auch in Italien und sind auf angenehme Weise genauso organisiert wie in Deutschland - fand. Dieser wird also unsere Beilage zum Putenbraten sein, da ich die gewünschte Preiselbeersoße beim besten Willen nirgends finden konnte. Und nachdem ich dann also vier Mal schon mit Einkaufstüten beladen nach Hause kam und ein entspannendes Mittagessen mit meinem Mitbewohner Giacomo genossen hatte, fiel mir brennend heiß ein, dass ich doch noch etwas vergessen hatte! Daraufhin quälte ich mich ein fünftes Mal in Mantel und Stiefel und fand tatsächlich noch etwas, das als laktosefreie Soße für unsere mit Marzipan gefüllten Bratäpfel dienen wird. Zurück in meinem warmen Zimmer beschloss ich, sofort in meinen Pyjama zu steigen und den Rest des Tages mit Kaffee, Keksen und Konversation zu verbringen. Denn nun bleibt nur noch eins zu tun: Auf einen verrückten, Oliven pflückenden, Pasta kochenden und unglaublich lieben Amerikaner zu warten, der morgen von den toskanischen Feldern zurückkehren wird und mit dem ich mein Weihnachten in Rom bestreiten werde, während Bing Crosby uns "Mele Kalikimaka" wünscht.

This morning I left the house in cheerful spirits to get to the nearest supermarket, which was crowded with cute and small italian "mammas", who blocked the corridors with their giant shopping carts while debating over some identifiable vegetable with a salesperson. The line at the checkout counter was consequently long, but while I waited I was at least able to reflect about the next supermarket where I wanted to try my luck with some things I couldn't find in the first one. This spectacle repeated itself in four other stores and probably there was never someone so happy about a jar of pickled red cabbage than me, which I found in a LIDL-market. This purchase will now serve as our side dish to our roasted turkey, as with all the best will in the world I was not able to find the requested cranberries. But after having made my way home four times with a load of shopping bags each time and after having had a nice relaxing lunch with my roommate Giacomo, it occured to me that I forgot something! So I put on my coat and boots one last time and found something that will make a nice and lactose-free sauce for our baked apples. Back in my warm and cozy apartment I decided to immediately put on my snug pajamas and to spend the rest of the day with coffee, cookies and conversation. Because now there is nothing left to do than wait for a crazy, olive plucking, pasta cooking and incredibly sweet American, who will leave his beloved Tuscan fields to spend christmas with me, while Bing Crosby is wishing us "Mele Kalikimaka".

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Unter Wasser - Under water

Nein, der Tevere fließt nicht direkt am Kollosseum vorbei. Momentan ist aber die ganze Stadt durchzogen von neuen und unbekannten Gewässern, Bächen und Flüssen. Ein maßloses Unwetter hat sich über ganz Italien festgesetzt und beschert ihrer Hauptstadt Vekehrschaos bis hin zu völlig unpassierbaren Straßen. Mailand versinkt im Schneegestöber, während in anderen Teilen Italiens ganze Stadtteile evakuiert worden sind. Umstände, die mich zwingen im Haus zu bleiben.

No, the Tevere does not flow directly past the Colosseum. But at the moment the whole city is interspersed with new and unknown bodies of water, rivulets and rivers. An exorbitant thunder-storm established itself over Italy and bestows its capital traffic chaos up to absolutely impassable streets. Milan is struggling with snow flurries, while in other parts of the country whole districts have been evacuated. Circumstandes that force me to stay at home.

Und heute ist wohl der ungemütlichste Abend der letzten Tage. Durch meine zugezogenen Vorhänge nehme ich nur ab und zu ein Aufblitzen wahr; der Donner folgt nach längerer Wartezeit und ist noch sehr verhalten. Fast ist der heftige Regen lauter, der unaufhörlich von der Straßenlaterne gegenüber rinnt. Im Fenster, das von dieser Lampe beleuchtet wird, hängt ein nasser Weihnachtsmann. Später in der Nacht werde ich von Blitz und Donner geweckt, der so kreischend laut ist, dass nicht nur ich, sondern auch die Alarmanlagen der Autos in meiner Straße sich fast zu Tode erschrecken.

And tonight is maybe the most uncomfortable evening of the last week. Through my closed curtains I notice some lighting flashes from time to time; the thunder follows after a latency and is still very restrained. The heavy and loud rain runs constantly off the street light across from my house. On the window, which is illuminated by the lamp, there is a wet santa clause attached. Later at night I am woken up by a lightning flash and thunder, which is so shrieking loud, that not only I but also the alarm systems of the cars in my street are frightened to death.

Diese Stadt, mit ihrem ewigen Lärm, mit ihren lauten Nachbarn, mit ihrem chaotischen Straßenverkehr, mit ihren Rollern und Autos. Mit ihrem Streiten, Rufen und Hupen. Mit ihrem Weinen und Lachen. Sie scheint in den letzten Tagen gedämpft zu sein. Nur widerwillig lassen sich die Römer vom Sturm von ihren Straßen drängen und zu Ruhe und Geduld zwingen. An den noch geschäftigen und überdachten Orten kann einen die Reizüberflutung von penetranten Weihnachtsmelodien, blinkenden Lichterketten und bunten Schriftzügen dieses Erlahmen kurzzeitig vergessen lassen. Aber auch wenn das Frohe Fest offensichtlich in greifbarer Nähe ist; die römischen Lebensgeister warten darauf, dass ihre Straßen wieder trocken und warm sind. Und ich warte mit ihnen.

This city, with its eternal noise, with its loud neighbors, with its chaotic traffic, with its scooters and cars. With its bickering, shouting and honking. With its crying and laughing. It seems to be muted in the last days. Only reluctantly the Romans let themselves be shoved off their streets and forced to tranquility and patience. The still busier and roofed over places with their obtrusive christmas music, flashing fairy lights and colourful letterings can make one forget this weariness at least for a short time. But even if the happy holidays are obviously just around the corner; the roman vital spirits are waiting for their streets to be dry and warm again. And I am waiting with them.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Neulich in Zürich - Recently in Zurich

Dada m'dada, Dada mhm' dada, Dada Hue, Dada Tza... Dadadada... Dada! Überall.
Nagut, eigentlich nunmehr nur noch in Zürich im ehemaligen Cabaret Voltaire. Dort wird noch der freie Unfug praktiziert, dort kann man es praktisch spüren, das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirmes auf einem Seziertisch; diesen Hauch von Absurdität und Revolution. Bunt zusammengewürfelt finden sich hier - in der duDabar - die verschiedensten Zeugnisse der Zürcher Dadabewegung. "To be da-da or not DaDa, das isch d'Frag" Und in alter Schweizer Tradition kommen dort freie Geister zusammen, um in einem offenen Gespräch am gemütlichen Kamin, ihre Gedanken mit anderen zu teilen und daraufhin mit diesen in eine fruchtbare Konversation zu treten. Bekanntgegeben wird diese Abendgestaltung aber nur als "hirnblutung. Freistilphilosophie konkret krass."

Dada m'dada, Dada mhm' dada, Dada Hue, Dada Tza... Dadadada... Dada! All over.
Well, actually by now only in Zurich in the former Cabaret Voltaire. That is where nonsense at its best is still being practiced, that is where one can still feel the coincidental meeting of a sewing machine and an umbrella on a dissecting table. This is where one can get this tang of absurdity and revolution. In the duDaBar a potpourri of various types of evidence of the Zurich Dada-movement can be found. "To be da-da or not DaDa, that's the question" And in old Swiss tradition this is where all freethinkers gather to share their thoughts in front of the homely fireplace after which they have a cultivated and fruitful discussion. This item of the daily agenda is simply announced as "cerebral bleeding. freestyle philosophy superawesome."

Darüber kann ich als halbe Römerin ja nur milde lächeln. Freistilphilosophie wird hier an jeder Straßenecke betrieben. Mario, der Hostelbesitzer: "Heterosexuelle Männer müssen eine Wampe haben!" Lautmalerei, die an die Anfänge der menschlichen Sprachfähigkeit erinnern, ist hier Bestandteil jedes gewöhnlichen Gesprächs. Giacomo, mein Mitbewohner: "Wwaaah bääääeee" Neologismen werden hier andauernd benutzt und schamlos naiven Ausländern beigebracht. Nadia, meine Mitbewohnerin: "'Dov'è il mio... ääh.. fristi-frasti?!"

But as a semi-Roman I can only gently smile about this behaviour. Freestyle philosophy is being practiced at every street corner. Mario, the hostel owner: "Heterosexual men are supposed to have a potbelly!" Onomatopoeia, that reminds of the beginning of human faculty of speech, is element of every common conversation. Giacomo, my roommate: "Vvaaaah baaaeee". Neologism are being used permanently and also being tought to naive foreigners: Nadia, my other roommate: "Dov'è il mio... umm... fristi-frasti?!"

Überhaupt scheint mir, dass in Rom jegliche Verrücktheiten für jeden sichtbar zur Schau getragen werden können. So könnte erwähnter Mario ohne Probleme als Tingeltangel-Bob-Double durchgehen, da er seine Haare auf eine Weise wachsen und wildern lässt, die sie in dicken Strähnen vom Kopf abstehen lässt. Selbstgespräche in Bus und Bahn sind keine Seltenheit, genausowenig wie Leute, die zu dieser Jahreszeit barfuss über die römischen Pflastersteine pilgern oder Inder, die einem ungefragt mitten auf der Straße die Zukunft voraussagen. Hier ist also jeden Tag Dada angesagt. Allerdings gibt es hier keine ordentliche programmatische Aufforderung dafür. Nur das bescheidene geflügelte Wort: "When in Rome, do as the Romans do."
Ich werde mein Bestes versuchen. Aber meine Schuhe lasse ich an.

Anyway it seems to me that in Rome it is totally ordinary to parade one's nuttinesses in public. Thus the mentioned hostel owner could smoothly act as a Sideshow Bob double, as he cultivates his hair in a way that makes it stick out from his head in thick streaks. Soliloquies in public transport aren't rare, just as people who walk barefooted over the Roman cobblestones or Indians, who unsolicitedly predict one's future in the middle of the street. In Rome Dada is present everyday. However there is no proper programmatic announcement for it. And I'm being left with nothing but the decent saying "When in Rome, do as the Romans do."
I will try my best. But I'm gonna keep my shoes on.