Montag, 24. November 2008

Ein liebender Mann ist in Rom - A loving man is in Rome

Nervös wippe ich mit dem Fuß, während ich durch die regennasse Scheibe des Busses nur verschwommen rote und weiße Lichtflecken auf den nächtlichen Straßen ausmachen kann. Langanhaltendes Hupen und Sirenengebrüll vervollständigen die Szene, in der ich die Nebenrolle der respektlosen Zuschauerin spiele, die wegen des alltäglich fast stillstehenden römischen Verkehrs zu spät zu einer Lesung erscheint und sich Entschuldigung wispernd durch die engen Reihen des missmutigen Publikums drängen muss.

Nervously I tap my toes, while through the rain-wet window pane of the bus I can only recognize blurry red and white spots of light on the nightly streets. Long-lasting honking and screaming sirens complete the scenery, in which I myself play the supporting role of a disrespectful audience member, that shows up much too late to a reading because of the daily almost stagnant traffic.

Die Hauptrolle gehört heute nämlich Martin Walser, der sich auf den Weg in die ewige Stadt gemacht hat, um hier aus seinem neuesten Roman vorzulesen. Dieser Umweg ist auf den zweiten Blick nicht gänzlich abwegig ist, denn wir befinden uns schließlich in der Stadt, in der Goethe - Walsers Protagonist - mehrere Jahre gelebt und mit Sicherheit auch geliebt hat; genauer gesagt, legt Walser genau in dem Raum seine Brille aufs Lesepult, in dem Goethe selbst des öfteren seinen römischen Freunden vorgelesen hat. Im ehemaligen Atelier Tischbeins versammeln sich also eine gute handvoll Deutsche, um das Eintreffen des bekannten Schriftstellers zu erwarten.

The leading role today is given to Martin Walser, who came all the way to the eternal city to read from his newest novel. This detour is on the second view not that odd, because after all, this is the city, in which Goethe - Walser's protagonist - had lived and loved for several years. To be exact, Walser lays down his glasses on a reading desk in the exact same room, where Goethe himself many a time used to read to his Italian friends. In the former workshop of Tischbein a couple of Germans have gathered to await the arrival of the famous author.

Als dieser nun also nach ausführlicher Einführung und standesgemäßem nicht enden wollendem Beifall hinter das Pult tritt, scheint er zuerst ein wenig geniert und sogar etwas unsicher nach den passenden Worten zu suchen, um den groben Zusammenhang zwischen den zu lesenden Textpassagen zu erklären. Doch als er den Blick auf seinen Text senkt, um eine humorvolle Szene mit Goethe und seiner Geliebten vorzutragen, muss ich feststellen, dass er ein unglaublich mitreißender Vorleser ist (was bei einem guten Schriftsteller keineswegs die Regel darstellt!). Sichtlich genießt er die heitere Stimmung des Publikums und schreckt nicht davor zurück auch die Szene von Goethes nächtlicher Zwiesprache mit seinem "Teil" in derselben temperamentvollen Weise vorzulesen. Die letzte Textstelle, die er auswählt, endet mit einem melancholischen Goethe, der sich desillusioniert die Unerfüllbarkeit seiner Liebe zu der 55 Jahre jüngeren Ulrike eingestehen muss. Und als Walser seine Lesung in dieser Atmosphäre beendet, steigt er hastig vom Rednerpult herunter, während er sich mit einem zerknüllten weißen Stofftaschentuch schnell Schweiß aus dem Gesicht und möglicherweise auch eine kleine Träne aus einem Augenwinkel wischt.

As the awaited one finally steps behind the reading desk after a detailed introduction and then a long applause, he at first seems a little embarassed, searching maybe a little nervously for the right words to explain the rough context between the passages he wants to read. But as he lowers his sight on the book to recite a hilarious scene between Goethe and his beloved Ulrike, I realize that he is an inredible powerful reader. Obviously he enjoys the cheerful mood of the audience and also does not start back from reading the scene of Goethe's nightly dialogue with his "thing" in the same temperant manner. The last passage that he chose to read ends with a melancholic Goethe, who has to acknowledge the fact that his love towards the 55 years younger Ulrike has to remain unfulfilled. And when Walser finishes his reading in this atmosphere he hastily climbs off the reading desk, while he pulls out a crumpled-up white handkerchief with which he weeps off some sweat from his face and maybe a little tear out of a corner of the eye.

Mittwoch, 19. November 2008

Hilfe, mein Schlüsselbein hängt am Kronleuchter! - Help me! My collarbone is attached to a chandelier!

Auch im goldenen Rom beginnt allmählich die kalte Jahreszeit. So sitze ich abends nunmehr mit einer warmen Decke auf meinem Balkon, während ich wie so oft den italienischen Sonnenuntergang bei einem Glas toskanischen Rotwein genieße. An anderen Tagen wünsche ich mir Gummistiefel und Regenoverall, um bei tagelang andauerndem Regenschauer die überfluteten Straßen mindestens annähernd trocken überqueren zu können. Nein, da helfen wirklich auch keine zehn Schirme der zuvorkommenden pakistanischen Straßenhändler nicht, die einem beim kleinsten Regentropfen schon einen Strauß buntes Wasserabweisendes unter die gerümpfte Nase halten.

Even in the golden city of Rome the cold season has begun. That is why now in the evenings I sit on my balcony with a blanket wrapped around me, while I enjoy the Italian sunset with a glass of tuscan red wine as I often do. On other days I wish for plastic boots and a waterproof jumpsuit to be able to cross a street at least almost drily after it has been raining for days and days. No, not even ten umbrellas can help in this kind of weather, which are offered by the overly attentive Pakistani street vendors, that will stick a bunch of undefineable but excessively coloured waterproof stuff in your face when the tiniest raindrops haven't even touched the ground.

Aber bald werden diese tristen Bilder in neuem Licht erscheinen. In vielen bunten kleinen Lichtern vielmehr, in einem Lichtermeer, das eine Vorahnung auf mein römisches Weihnachten sein wird. Doch bevor ich mich von dem hypnotischen Hinternwackeln des pausbäckigen Weihnachtsmannes im Schaufenster nebenan in unbegründete Hochstimmung versetzen lasse, möchte ich noch einen Blick auf die dunklen Seiten dieser Stadt werfen. Die düsteren Ecken, die morbiden Sammlungen, die gespenstischen Reliquien, die ein makabereres Vergnügen versprechen als es einer ganzen Armee von Plüschrentieren möglich wäre, deren rote Nasen im Takt von Wham!s "Last Christmas" blinken.

But soon all these dreary images will appear in a new light. In many colourful tiny lights, more exactly, in an ocean of lights, that will be an anticipation of my Roman christmas. But before I let myself get into any unreasonably high spirits by the hypnotic backside-wiggling of a chubby Santa Clause in the shopwindow next door, I want to have a look at the darker parts of this city. The dusky corners, the morbid collections, the spooky relics, that promise a more macabre pleasure than a whole army of stuffed reindeers whose red noses flashed to the beat of Wham's "Last Christmas" ever could.

Unterhalb der Kirche Santa Maria della Concezione dei Cappuccini befindet sich eine der wohl außergewöhnlichsten Krypten überhaupt. Hier finde ich mehrere kleine Kapellen, die virtuos verziert wurden mit den menschlichen Überresten von mehreren tausend Kapuzinermönchen, die einen durch die dunklen Augenhöhlen der Schädelornamente anstarren. Armknochen bilden Rahmen, Hüftknochen wurden zu floralen Mustern zusammengesetzt, tausende Wirbelknochen überziehen Wände und Decken in verschnörkelten Formen. Während ich mir auf dem Weg zur nächsten schaurigen Kapelle fast den Kopf an einem abartigen Kronleuchter stoße, fällt mir eine Beschreibung Nathaniel Hawthornes ein, auf den dieser Ort einen ähnlichen Eindruck gemacht haben muss:

Underneath the church Santa Maria della Concezione dei Cappuccini lies one of the most extraordinary crypts ever. Here I find several small chapels, that are virtuosly decorated with the human remains of several thousand Capuchin Monks, that stare at me through their dark eye sockets. Arm bones are frames, hip bones were put together into floral patterns, thousands of vertebras cover walls and ceilings in ornate shapes. As I almost hit my head on an abnormal chandelier on my way to the next chapel, I remember a description by Nathaniel Hawthorne, on whom this place had made a comparable impression:

"Jene Skelette, die mit Kutte und Kapuze versehen sind, scheinen eine eher heitere Auffassung ihrer Situation zu haben und versuchen diese mit ihrem grässlichen Grinsen zu verspotten. Es ist weder möglich zu beschreiben, welche ekelhafte und groteske Wirkung dieser Ort besitzt, noch wieviel pervertierte Genialität auf diese eigenartige Weise zur Schau gestellt wird. Eine ungeheure Anzahl verstorbener Mönche aus mehreren hundert Jahren hat mit ihren Gerippen dazu beigetragen, diese großartigen Gewölbe der Sterblichkeit zu errichten. Hier, wo die Altäre der abscheulich weihevollen Kapellen aus Haufen von menschlichen Überresten bestehen, können wir uns nicht unsterblich fühlen." (frei übersetzt aus: The Marble Faun)

"As a general thing, these frocked and hooded skeletons seem to take a more cheerful view of their position, and try with ghastly smiles to turn it into a jest. [...] There is no possibility of describing how ugly and grotesque is the effect, combined with a certain artistic merit, nor how much perverted ingenuity has been shown in this queer way, nor what a multitude of dead monks, through how many hundred years, must have contributed their bony framework to build up these great arches of mortality. [...] Not here can we feel ourselves immortal, where the very altars in these chapels of horrible consecration are heaps of human bones." (excerpts: The Marble Faun)

So teilt mir auch eine Tafel im hintersten Teil dieses Ortes unmissverständlich mit: "Quello che voi siete eravamo; quello che noi siamo voi sarete." ("Was ihr seid, sind wir gewesen; was wir sind, werdet ihr sein.")

And also a plate in the rearmost part of this place is letting me know without ambiguity: "Quello che voi siete eravamo; quello che noi siamo voi sarete." ("What you are, we have been; what we are, you will be.")

Zurück auf den kühlen und geschäftigen Straßen Roms werfe ich mir aufs Neue meinen Schal um und nehme mir vor, die bunteste Lichterkette zu kaufen, die ich finden kann.

Back on the chilly and busy streets of Rome I wrap my winter scarf around me once more and decide to buy the most colourful fairy lights I can find.

Mittwoch, 5. November 2008

Auf den Spuren von... - In the pursuit of...

Hier saß Goethe also wackelnd auf seinem Stuhl, während er tief in die Lektüre versunken war. Die Räume, in denen er während seiner Italienreise zusammen mit seinem Freund Tischbein und anderen Künstlern lebte, sind heute in ein kleines aber sympathisches Museum umfunktioniert worden. Sympathisch deswegen, weil es nicht durch zeitgenössische Möbel und Nachstellungen von Goethes Arbeitsplatz versucht ein konstruiertes Bild als historische Wirklichkeit darzustellen. Ich blicke aus dem Fenster auf die sehr belebte Via del Corso und suche die Inspiration einzufangen, die Goethe an diesem Ort verspürt haben muss. Die anderen Räume zeigen mir alte Ausgabeverzeichnisse und handschriftlich verfasste Briefe von Goethe, die ich mit leuchtenden Augen versuche zu entziffern. Ich muss mich aber zufrieden geben die Faksimiles unverstanden zu bewundern.

So this is where Goethe wobbled on his chair while being immersed in lecture. The rooms, in which he, his friend Tischbein and other German artists lived during their stay in Rome, have been turned into a small but nice museum. And it is especially nice because it does not try to sell a constructed image of his former place of work with contemporary furniture as historical reality. I look out of the window and try and catch a glimpse of the inspiration, that Goethe had felt at this place. The other rooms present old registers of his expenses and handwritten letters that I try to decipher with shining eyes. But I have to settle for admiring the facsimiles without understanding them.

Endlich habe ich die enge Seitengasse in der Nähe der Piazza di Spagna gefunden. Respektvoll betrete ich die alten Pflastersteine und schaue mich auf diesem alten Schauplatz um. Einige edle Hotels, Kunstateliers, Juweliere und Designerläden haben sich in diesem Heiligtum der Hepburn-Verehrung niedergelassen. Holly Golightly hätte diese Auswahl gefallen. Ein paar Schritte weiter schaue ich auf einen kleinen Innenhof, der von Efeuranken umwachsen ist. War es hier? "I've never been alone with a man before, even with my dress on. With my dress off, it's most unusual..." Die mürrischen Blicke der Anwohner stören mich in meiner stummen Verehrung und zwingen mich, meinen Weg im Rom des 21. Jahrhunderts fortzusetzen.

Finally I found the narrow side street in the vicinity of the Piazza di Spagna. Respectfully I step on the old cobblestone pavement and take a look around on this old scene. Some noble hotels, art studios, jewelers and boutiques have settled in this sanctuary of Hepburn-admiration. Holly Golightly would have liked this selection. A few steps ahead I can look into a small inner courtyard that is overgrown with ivy. Was it here? "I've never been alone with a man before, even with my dress on. With my dress off, it's most unusual..." The grumpy looks of the neighbors disturb me in my silent worship and force me to continue my way in the Rome of the 21st century.