Freitag, 20. März 2009

Auf den Plätzen - On the Roman Squares

Rom ist eine Stadt, die man im Freien erleben muss. Und langsam aber sicher steigen die Temperaturen, die Sonne wird immer seltener durch lästige Wolkenfelder gestört, die Straßen trocknen nach andauerndem Regen. So gibt es im angehenden Frühling nichts schöneres als stundenlange Spaziergänge durch das historische Zentrum. Man bewundert aufs neue wunderschöne Gebäude, die gerade von hellem Sonnenlicht beschienen werden; man schlendert über die "Sanpietrini" - das allgegenwärtige dunkle Kopfsteinpflaster; man ruht sich auf einer der Steinbänke auf der Piazza Navona aus, während man dem Plätschern des Mohrenbrunnen lauscht. Oder man verweilt ein wenig bei einem der zahlreichen Straßenkünstler, die in der ewigen Stadt nach zahlendem Publikum suchen.

Rome is a city to be experienced outdoors. And slowly but surely the temperatures rise, the sun is disturbed by cloud fields less and less, the streets dry after the neverending rain. Thus in the incipient spring there is nothing better than an hours-long walk through the historic city center. You can once more admire beautiful buildings, you can stroll over the "sanpietrini - the ubiquitous cobblestone pavement, you can rest on one of the stone benches on the Piazza Navona while listening to the soft lapping of the Fontana del Moro. Or you can linger by one of the many street artists, that are looking for paying audience in the Eternal City.

Oft sieht man die obligatorischen lebenden Statuen, von denen einige so kreativ und sympathisch sind, dass sie jedesmal zahlreiche Zuschauer anziehen. So stellt sich einer von diesen in einem bunten Anzug mit Krawatte und Aktentasche mitten auf die umlaufende Straße auf der Piazza Navona und mimt einen eiligen, grinsenden Geschäftsmann. Die einzige Bewegung, die von ihm ausgeht, sind die Augenbrauen, die anzüglich über der Sonnenbrille zucken, wenn ein paar Münzen in seine Dose fallen. Ein anderer malt sich von oben bis unten in demselben grau an, wie es die vielen Mülltonnen in Rom aufweisen, und fläzt sich neben eine von diesen mit einer Flasche Hochprozentigem, wie ein einsamer Cowboy nach einer durchzechten Nacht.

Often you see the obligatory living statues. Some of them are very creative and winsome that they always attract numerous spectators. One positions himself on the Piazza Navona with a colorful suit and briefcase and acts like a grinning businessman in a hurry. The only movement you can witness are his eyebrows that will twitch over his sunglasses when you drop some coins in his tin can. Another paints himself in the same grey as the many garbage cans of Rome and slouches beside one of them with a bottle of schnaps like a lonely cowboy after a drunken night.

Eine recht merkwürdige Attraktion bietet ein älterer Mann. Sein langes weißes Haar wallt über das Oberteil eines billigen Zirkuskostüms, während seine Finger in selbstgebastelten Handpuppen stecken. Zeigefinger und Mittelfinger stellen die Beine dieser kleinen Figuren dar, die er in festen Choreographien über einen vor ihm stehendem Tisch tanzen lässt. Aus einer Box darunter erklingt zu diesem Theater Musik von Pop über HipHop bis Tango. Eine überflüssigere Show habe ich im Leben noch nicht erlebt. Auch die kleinen Requisiten, die er hurtig wechselt, wenn das Band das nächste Lied mit anderem Thema spielt, sind leider wenig amüsant. Klitzekleine Gartenbänke oder Hüte oder Röckchen oder Bäumchen sind es wirklich nicht wert, sich ein paar Minuten länger die Beine in den Bauch zu stehen. Aber man tut es trotzdem. Und dann bemerkt man, dass dieser gruselige Herr die umstehenden Zuschauer mit einem äußerst anzüglichen Blick betrachtet, was noch irritierender wird durch die Tatsache, dass sich das ganze Puppenspiel genau auf der Höhe seines Schrittes abspielt. Ich scheine nicht die einzige zu sein, die von diesem Spektakel in neugierige Abneigung versetzt wird. Wenige trauen sich nah an seinen Tisch heran und nur die abgebrühtesten wagen es ein Geldstück in seinen Hut zu werfen.

A very weird attraction is being offered by an elderly man. His long white hair falls over a cheap circus costume. With little self-made hand puppets - his index and middle finger represent the legs of the little figures - he shows choreographies on a small table along to some bad music that comes from underneath. There was never a more superfluous shown on the face of the earth. Even the small requisites that he changes hastily when the music changes are little amusing. Itsy-bitsy benches or hats or skirts or trees are really not worth cooling one's heels for longer than necessary. But you stay anyway. Only to notice after a few moments that the creepy mister watches the audience with a kind of lewd look, which is even more irritating because of the fact, that the whole puppetry is taking place right in the height of his crotch. I do not seem to be the only one that is curiously horrified by this spectacle. Few dare to approach his table and only the bravest of them venture to throw a coin into his hat.

Seltener kann man Straßenmalern bei der Arbeit zusehen. Wenn man aber das Glück hat, einen zu finden, zaubert dieser ein wahres Kunstwerk auf das Pflaster. Ich durfte die "Geburt der Venus" von Botticelli in Kreide bewundern. Es war eine wirklich beeindruckende Kopie des Gemäldes, das ich vor ein paar Jahren in Florenz bestaunt habe.

Less often you can watch street painters at work. But if you are lucky enough to find one, they are always creating a real masterpiece on the pavement. I saw a "Birth of Venus" by Botticelli in chalk. It was a truly impressive copy of the painting I saw a few years back in Florence.

Zuletzt gibt es natürlich viele Straßenmusiker, welche die schönsten Plätze in eine angenehme Atmosphäre versetzen. Man hört zum Beispiel Gitarristen, die mit spanisch anmutenden Klängen das Abendessen begleiten; man hört kleine Ensemble mit eher jazzigen Klängen; man hört Violinisten, die in teilweise schiefen Tönen ein paar bekannte klassische Sinfonien andeuten; man hört manchmal sogar Tenöre, die mit großen Stimmen die Piazza Rotonda in eine Opernbühne verwandeln. Wenn also die gelblich warme Straßenbeleuchtung das abendliche Rom in eine wohlige Stimmung versetzt und sich die ganze Stadt zu entspannen scheint; was könnte da schöner sein, als mit ein paar Freunden, ein wenig Bier oder Wein und interessanten Gesprächen von einem Platz zum nächsten zu schlendern, wo schon der nächste talentierte Musikant darauf wartet, einen in vergnügte, nachdenkliche oder romantische Stimmung zu versetzen.

Finally there are of course lots of street musicians, that put the most beautiful squares into a cosy atmosphere. There are guitarists, that accompany dinner with some spanish sounds; there are small jazzy ensembles; there are violinists that adumbrate classical symphonies with shrill tones; there are sometimes even tenors, that transform the Piazza Rotonda into a opera stage with great voices. So when the warm street lighting puts the evening Rome into a pleasant and tranquil ambiance; what could be nicer than spending the evening with a couple of friends, some wine and interesting conversations strolling from one beautiful square to the next, where another talented musician is just waiting to put you in a merry, contemplative or romantic mood.

Dienstag, 3. März 2009

Galleria Borghese

Als ich in den ersten Saal der Galleria Borghese gelange, stockt mir der Atem; für die Schülergruppen, die hastig nochmal ihre vorbereiteten Referate durchblättern, ist der Anblick der Marmorskulptur kein Grund, um Plaudereien und Gelächter zu unterbrechen. Andere Leute strömen hektisch an mir vorbei. Den Audioguide wie einen alten Telefonhörer immer ans Ohr gepresst schauen sie mit offenem Mund an die Decke oder beugen sich mit zusammengekniffenen Augen über die Absperrung vor einem Gemälde, um ein wichtiges Detail zu begutachten. Ich warte ein paar Minuten bis der Raum sich beruhigt hat, bevor ich langsam Berninis "Raub der Proserpina" von allen Seiten betrachte.

As I enter the first hall of the Galleria Borghese, I find myself stunned. The view of the marble sculpture is no reason for a group of students to stop flipping through their prepared presentations or to interrupt laughter and chat. Another group of people flocks in. Pressing the audioguide to their ears like an old handset they stare up to the ceiling with gaping mouths or bend over a cordon in front of a painting to examine an important detail. A few minutes later the room has calmed down and I can slowly circle around the "Rape of Proserpina" by Bernini.

Mehrere Scheinwerfer tauchen die weiße Marmorskulptur in ein weihevolles Licht. Vom aufgewühlten Haar bis zu den unnatürlich gekräuselten Zehenspitzen; die Panik der Proserpina ist offensichtlich. Vergebens stützt sie sich mit einem Arm von Plutos Haupt weg, der das Objekt seiner Begierde fest umschlungen hält. Muskelberge spannen sich an seinem ganzen Körper an, während seine kräftigen Finger besitzergreifend in das Fleisch ihrer Taille und Schenkel greifen. Wie die eines energischer Liebhaber erfassen seine leidenschaftlichen Hände die widerwillige Proserpina. Es ist sanfte Gewalt, die der sonst so unerbittliche Gott der Unterwelt an dem üppigen Mädchen übt. Er wird sie mit sich nehmen. Und über diese Gewissheit kann sie einige Tränen der Trauer, die ihr über die Wangen laufen, nicht bezwingen.

Several spotlights bathe the white marble sculpture in a solemn light. From the ruffled hair down to the unnaturally crinkled tiptoes; the Proserpina's panic is obvious. With a slender arm she vainly pushes away the head of Pluto, who keeps his object of desire embraced tightly. Muscles tighten all over his body, while his energetic fingers dig possessively into the flesh of her waist and thigh. His passionate hands grasp the reluctant Proserpina as does a vigorous lover. It is soft power, that the otherwise relentless God of the Underworld exerts on the voluptuous girl. He will take her with him. And considering this certainty she cannot refrain from crying a few tears that run softly down her cheek.

Im nächsten Saal fällt weiches Licht auf eine andere Szene von unerwidertem Verlangen. Hier sind es aber zwei Jugendliche, die auf den ersten Blick in ein kindliches Spiel verwickelt zu sein scheinen. Apolls Gesicht ist zart und entspannt, während Daphne in Schrecken und Abneigung die schmalen Lippen zu einem stummen Schrei öffnet. Ihre Fußnägel verwachsen schon mit der Erde, ihre Fußsohlen erweitern sich zu gewelltem Blattwerk. Von hinten ist Daphne bereits Lorbeerbaum. Ein knorriger Stamm ist dort, wo ihr wohlgeformtes Gesäß war. Schenkel, Kniekehlen und Waden - alles ist nur noch trockene Baumrinde. Auch die schmale Hand des Gottes, die sich gierig auf den Unterleib der Nymphe legt, berührt keine junge, straffe Haut mehr, sondern nur rauhes Holz. Die Hoffnung auf erfüllende fleischliche Vereinigung schwindet in genau diesem Moment, den Bernini hier verewigt hat. Vielleicht ist Apolls Gesichtsausdruck deswegen auch nicht entspannt. Sondern schon enttäuscht.

In another hall a mild light is shed on yet another scene of unrequited desire. But here the viewer is confronted with two adolescents, that at first sight seem to be involved in a childish game. Apollo's face is soft and relaxed, while Daphne opens her thin lips in terror and disgust. Her toenails already grew together with the ground, the soles of her feet extended to curly leafage. Seen from behind Daphne is already a laurel tree. A gnarly trunk is where her well-shaped bottom has been. Thighs, hollows of the knees, calfs - all of these are just dry bark. Even the hand of the young God, that avidly takes hold of the nymph's stomach, does not touch young and firm skin but rather crude wood. The hope for fulfilling carnal fusion vanishes right this moment. Maybe Apollo's facial expressions aren't relaxed. But rather frustrated.

Ich schlendere ruhig von einem genialen Kunstwerk zum nächsten. Fast zu viele Meister sind hier an einem Ort versammelt, zu viele Meisterwerke, um sie in zwei Stunden aufnehmen zu können. Diesmal bleibt mein Blick an einem Gemälde hängen. Ein schmächtiger Knabe steht im unverkennbaren Dunkel des Caravaggio. Sein Blick senkt sich mit Abscheu auf seine Hand, deren Finger sich in den Schopf eines Kopfes vergreifen. Es ist ein unnatürlich großer Kopf, das Haupt seines Opfers. In der anderen Hand hält der Junge noch das Schwert, mit dem er jenem erwachsenen Mann das Leben genommen hat. Rote Adern und Sehnen baumeln aus dem durchtrennten Hals. Das letzte bisschen Blut tropft an ihnen aus dem grauenerregenden Antlitz. In widerspenstiger Wut sind noch die großen Augen ungleich weit aufgerissen, seine Stirn ist noch zornig gerunzelt. Doch keine Gefahr geht mehr von diesem Monstrum, von Goliath, aus. David war skrupellos.

I drift from one ingenious piece of art to the next. Almost too many masters are gathered at this place, too many masterpieces to be absorbed in only two hours. This time I stop in front of a painting. A slight boy is standing in the unmistakable darkness of a Caravaggio. In disgust he looks down to his hand that takes hold of a head. An unnaturally big head, the head of the boy's victim. In his other hand he still holds the sword, with which he took the life of this grown man. Red veins and tendons dangle out of the severed neck. The last bit of blood drips out of the atrocious visage. In unruly anger his big eyes are still wide open, his forehead is still furiously wrinkled. But the monster Goliath is no danger anymore. David was ruthless.