Freitag, 20. Februar 2009

Excursion II - Catania, Siracusa, Palermo

Die Sonne steht hoch am blauen Himmel als ich den Zug in Napoli nach Catania besteige. Es ist eine direkte Verbindung, was jeden der sich ein wenig geographisch mit Italien auskennt verwundern dürfte. Ich jedenfalls war es anfangs und ich freute mich schon auf die kurze Strecke zwischen dem Festland und Sizilien, in der die Bahn auf eine Fähre verfrachtet werden würde. Sieben Stunden lang genieße ich also die Aussicht auf die mediterrane Landschaft: grüne Hügel auf denen kleine, teilweise heruntergekommene Häuser verstreut sind, grasende Schafherden, dazwischen Palmen, Orangenbäume und Kakteen, auf der anderen Seite des Zuges das funkelnde Blau des Meeres. Und immer wieder Pinien. Pinien, die mich an Rom erinnern. Ich lehne mich zurück, lege Buch und iPod beiseite und erfreue mich an der wunderschönen Aussicht.

The sun is bright when I get on the train from Naples to Catania. It is a direct connection, which should make anyone who is at least slightly schooled in Italian geography wonder. Anyhow, I did in the beginning and was very excited about the short distance between Sicily and the mainland, where the whole train would be freighted on a ferry. For seven hours I enjoy the view on a Mediterranean landscape: green hills with scattered and partly rundown houses, grazing sheep herds, between them palm trees, orange trees and cactusses, on the other side of the train the sparkling blue of the sea. And from time to time pines. Pines, that remind me of Rome. I lean back, put away books and iPod and simply rejoice in the beautiful Italian scenery.

Alleine unterwegs zu sein ist für mich immernoch eine besondere Erfahrung. Man erinnert sich an die neuen Bekanntschaften und interessanten Orte, die man hinter sich lässt - manchmal mit leichter Wehmut - und freut sich auf neue Menschen, die einen an einem Ort erwarten, der bislang nur ein Name, ein Punkt auf einer Landkarte ist. Ein Punkt, an dem noch nicht einmal eine Reservierung für ein Nachtlager auf einen wartet. Das kann beängstigend sein - aber auch befreiend.

After being on my own in Rome for already four months, to be on the road alone is still a special experience for me. I remember the new acquaintances and interesting places, that I leave behind - sometimes a little wistfully - and look forward to meeting new people, that await me in a location, that up to now is just a name, a spot on a map. A spot, where not even a prenotation for accomodation expects me. That can be a daunting thought - but also a liberating one.

In Catania fühle ich mich endlich im Süden. Sommer, Sonne, Meer pur. Als ich aus meinem Schlummer aufwache und aus der Bahn steige, muss ich feststellen, dass ich mir genau die Zeit für meinen kleinen Ausflug ausgesucht habe, in der die Temperaturen ein Rekordtief verzeichnen. Mindestens kann ich mich am nächsten Tag ein wenig in der morgendlichen Sonne wärmen, während ich mein Kaffee-Hoch genieße. Mein Rundgang durch die Stadt führt mich zuerst auf die Piazza di Duomo, auf der ich einen Brunnen mit einem plumpen knuffigen Elefanten aus Lavagestein - das Wahrzeichen der Stadt - sehe. Ich schlage den Weg über die Via Etnea ein, die Haupteinkaufsstraße, die auf direktem Weg auf den Etna zuzuführen scheint, bis ich zum alten Benediktinerkloster mit ihrer unvollendet gebliebenen Kirche San Nicola l'Arena komme. Hier ist heute die örtliche Universität untergebracht. Und ganz ehrlich, wer würde nicht viel öfter zur Uni gehen, wenn einen dort solche Flure und Treppenhäuser erwarten würden?

In Catania I am finally in the south. Summer, sun, sea. When I awake from my soft slumber and get off the train, I have to realize, that I seem to have chosen exactly that time of the year for my little trip, in which the temperatures dropped to a historical low. At least the next day I can bask in the morning sun, while enjoying my coffee high. My tour leads me firstly to the Piazza di Duomo, where I see a fountain with a dumpy and cute elephant made of lava rock - the town's landmark. Then I pursue the Via Etnea, the main road, which seems to lead directly to mount Etna, until I get to the former Benedictine abbey with its unfinished church San Nicola l'Arena. That is where the university is lodged now. And honestly, who wouldn't wanna go to school much more often, when there would be hallways and stairways like these to look at?

Ich beschließe, dass ich mich genügend aufgewärmt habe, um auch noch kurz nach Siracusa zu fahren. Eine weitere Stunde mit dem Zug in Richtung Süden bringt mich in eine wunderschöne kleine Stadt, die hell und ruhig am Meer liegt. Ich erreiche den historischen Kern der Stadt - Ortigia - am Nachmittag. Dieser Stadtteil liegt auf einer kleinen Insel, die nur durch eine enge Durchfahrt vom Festland getrennt ist. Nachdem ich also über eine der beiden Brücken spaziert bin und kurz an den Überresten des Apollontempel verweilte, finde ich mich in stillen und einsamen kleinen Straßen wieder. Es ist gerade Zeit der italienischen Siesta, alle Geschäfte und Restaurants haben geschlossen. Kein Motorengeräusch, kein Rattern eines Rollers, Schritte oder Geräusche von vergnügten sizilianischen Gesprächen stören diese friedliche Atmosphäre. Ich hatte schon fast vergessen, was Stille bedeutet. Auch an der Strandpromenade begegnen mir nur vereinzelt Touristen; ich stehe dort eine Weile vertieft in den Anblick des Meeres, lasse mich ein weiteres Mal ein wenig von der winterlichen Sonne wärmen und koste die Ruhe aus. Es ist herrlich.

I decide that I have warmed up enough to go to Siracusa as well. Another hour on the train southwards brings me to a beautiful little city. I reach the historical city center - Ortigia - in the afternoon. This part of town is situated on a small island, that is isolated from the mainland only by a narrow water passage. So, after I stroll over one of the two bridges and resting shortly at the remains of a greek temple, I find myself in silent and lonely little streets. It is just the time for the Italian siesta, all the shops and restaurants are closed. No engine noise, no rattling of a scooter, footsteps or even the sound of merry Sicilian conversations disturb this peaceful atmosphere. I had almost forgotton what silence is like. Even at the sea front I just come across a few tourists; I stop for a while, immersed in the view of the sea, let myself get warmed up by the sun one more time and enjoy the tranquillity. It's lovely here.

Am nächsten Tag führe ich meinen Weg nach Palermo fort. Nochmals vier Stunden mit der Bahn durch die sizilianische Landschaft. Aber alle Hoffnungen auf ein paar Grad mehr in der Hauptstadt von Sizilien zerschlagen sich, als ich mich fröstelnd auf die Suche nach einer Unterkunft mache. Ich finde ein gemütliches Bed&Breakfast, direkt hinter dem wunderschönen Teatro Massimo. Aber selbst eine lange und heiße Dusche, eine entspannte Nacht in einem Zimmer für mich alleine und zur Abwechslung mal nicht in einem militärischen Etagenbett oder ein großer Teller Pasta alla Carbonara können mich von der ständigen Kälte ablenken. Keiner der Räume - weder Küche, Aufenthaltsraum noch mein eigenes Zimmer - sind beheizt; meine Balkontür isoliert kein bisschen. Noch nicht einmal der Sonne kann ich ein wenig wohlige Wärme abgewinnen. Die einzige Möglichkeit, um wenigstens für eine Weile nicht zu frieren, ist, in Bewegung zu bleiben. Also mache ich meinen Rundgang durch die Stadt, vorbei am Hafen, an der Fontana Pretoria und den Quattro Canti - einer Kreuzung der beiden Hauptstraßen an deren vier Ecken sich prächtige Barockfassaden befinden. Aber leider kann mich auch der Genuss von Kunst und Architektur nicht in heitere und behaglichere Stimmung versetzen. Obwohl ich fast alles an Kleidung, die ich mitgebracht hatte, am Körper trage, kann ich kaum etwas anderes denken als: Mir ist kalt. Mir ist kalt. Mir ist kalt.
Ein kalter Nachtzug bringt mich zurück nach Rom. Casa dolce Casa. Auch in der ewigen Stadt ist es im Moment nicht viel wärmer. Aber mindestens kann ich in meinem Schlafzimmer nicht meinen Atem sehen.

The next day I continue my trip to Palermo. Another four hours on the train through Sicilian landscapes. But all my hopes for a few degrees more are dashed, as I walked shivering through the streets in search of my accomodation for the night. I check into a nice B&B, right behind the beautiful Teatro Massimo. But even a long and hot shower, a relaxing night in a room all to myself and not in a bunk bed for a change or a nice plate of Pasta alla Carbonara can take my mind off the constant cold. None of the rooms - neither the kitchen, the living room and not even my own room - are heated; my balcony door doesn't isolate at all. I coudln't even get some warmth off the sun. The only possibility to not freeze for a while at least, is, to keep moving. So I start my tour through the city, pass the port, the Fontana Pretoria and the Quattro Canti - a crossroads with a gorgeous baroque facade on every corner. But unfortunately also the pleasure of fine arts and architecture could put me into a better humor. Although I put on almost all of the clothes I had with me, the only thing I can think about is: I'm cold. I'm cold. I'm cold.
A freezing overnight train brings me back to Rome. Casa dolce Casa. The eternal city isn't much warmer than Sicily at the moment. But at least in my bedroom I cannot see my own breath.

Sonntag, 15. Februar 2009

Excursion - Napoli

Nachdem ich in den letzten Wochen von einer regulären Grippe in eine Magen-Darm-Grippe gestolpert war, fühlte ich mich gestern endlich wieder wohl genug um meine lange angekündigte kleine Tour durch Süditalien zu starten. Das Wetter und Trenitalia machten mir die Abreise aber nicht so einfach. Pünktlich um 8 Uhr morgens stand ich am Hauptbahnhof, wo eine klassische Klapptafel mir mitteilte, dass mein Zug (und fast alle anderen auch) mindestens 40 Minuten Verspätung hatte. Nagut. Ok. Va bene. Also machte ich es mir in der eiskalten Bahnhofshalle vor der Tafel auf meinem Koffer bequem und wartete. Zwei Stunden später saß ich endlich in der eiskalten Regionalbahn. Eine halbe Stunde später setzt sich diese in Bewegung.

After recovering from a flu and running into a gastro flu after that, I yesterday finally felt well enough to go on my trip through southern Italy. However, the weather and Trenitalia didn't make my departure as comfortable as I could have hoped. At 8 o'clock sharp I was at central station in Rome, where a giant display panel informed me about my train (and almost all of the other ones too) to be at least 40 minutes late. Well. Ok. Va bene. So I got more or less comfortable on my bag in the freezing station concourse and waited. Two hours later I was on the freezing train. Half an hour later it set itself in motion.

Das Hostel of the Sun ist bunt. Und Luca an der Rezeption - der schon eine Ewigkeit hier sein muss, wie ich den zahllosen Fotos entnehmen kann - versteht es, alle Sympathien für sich zu gewinnen. Fünf Minuten nachdem ich das gemütliche Hostel betreten habe, bin ich bereits nur noch die "Intellektuelle". Ich könnte mir schlimmere Spitznamen vorstellen. Meine erste Erkundungstour führt mich direkt ans Meer. Schon im Zug war ich mal wieder begeistert, das in der Sonne funkelnde Blau zu sehen.
"Man mag sich hier an Rom gar nicht zurückerinnern: gegen die hiesige freie Lage kommt einem die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde wie ein altes überplatziertes Kloster vor." (Italienische Reise, Goethe)
So weit würde ich persönlich nicht gehen, aber eine schöne Stadt direkt an der Küste mit dem eindrucksvollen Vesuv im Hintergrund ist eine Aussicht, die ich mit ausführlichen Spaziergängen nur zu gerne länger geniessen würde. Der scharfe kalte Wind treibt mich aber bald wieder ins Hostel.

The Hostel of the Sun is colourful. And Luca behind the counter - who must have been here since forever, which I figure from looking at the many fotos on the walls - is able to win the favors of every new guest within seconds. Five minutes after I stepped into the comfortable hostel I've already been labelled just as "The Intellectual". I could think of worse nicknames. My first tour leads me right to the sea. Already from the train I was once more fascinated of seeing the sparkling blue. And I could really get used to the view of a beautiful city right on the coast with Vesuvius in the background. But the high and cold wind is making me get back to the hostel soon.

Den Valentinsabend verbringe ich mit dem Austausch von Lebensentwürfen mit Australiern, Kanadiern, Italienern und Deutschen. Zwischendurch ruft mich Mario an (der Besitzer des Hostels in Rom) und versichert mir, dass ich im Hostel of the Sun gut aufgehoben bin und dass Luca ein guter Freund von ihm sei. Vitamin B ist in Italien von besonderer Wichtigkeit. Und ich scheine mich bereits ganz gut damit versorgt zu haben.

I spend Valentine's evening exchanging life plans with Australians, Canadians, Italians and Germans. In between I get a call by Mario, who assures me that I'm in the best hands at Hostel of the Sun and that Luca is a good friend of his. Relationships are essential in Italy. And I seem to be already adequately supplied.

Der heutige Stadtrundgang fiel leider kürzer aus als geplant. Nicht nur weil es immernoch schneidend kalt ist, sondern auch weil die Stadt sich sonntags von ihrem sonstigen Trubel ausruht. Ich sehe beispielsweise die neue Stadtburg in Küstennähe oder San Francesco di Paola, die mich nicht zufällig an Pantheon und Petersplatz erinnern. Die Zeit um das nahe Pompeji zu besuchen finde ich leider nicht; aber eine Ausstellung im Museo Nazionale über die ebenfalls im Vulkanausbruch untergegangene Stadt Herculaneum kann mir mindestens einen kleinen Einblick in den Horror und die Verzweiflung geben, welche die Einwohner dieser Stadt in den letzten Momenten empfunden haben müssen.

Today's city tour was shorter than planned. Not only because it's still freezing cold, but also because on sundays the city takes a break from its usual fuss and confusion. I see the new city castle near the coastline or San Francesco di Paola, which strikingly reminds me of Pantheon and St Peter's square. Unfortunately I don't find the time to visit Pompeji; but an exhibition about Herculaneum, a city that got destroyed in a volcanic eruption as well, can at least give me a small impression of the horror and despair that the inhabitants must have felt in their last moments.

Dienstag, 3. Februar 2009

Warum Rom? - Why Rome?

Wenn man im regnerischen Alltag versunken ist, sich die Bücher mit italienischer Grammatik, Vokabeln und banaler Kinderliteratur auf dem Tisch stapeln und einem die tägliche Pasta fade vorkommt, kann einem eine solche Frage berechtigt vorkommen. Zugegeben, global gesehen ist es wohl nicht besonders hilfreich die italienische Sprache zu beherrschen. Außerdem sind die Mieten in Rom teuer, die Heizungen dafür aber kalt. Die Busse sind unzuverlässig und die Straßenverkäufer lästig. Das Fernsehprogramm dämlich und die Männer aufdringlich. Die Nachbarn laut, der Verkehr mörderisch. Also was kann ich an diesem furchtbaren Ort nur so anziehend gefunden haben?

When being immersed in a rainy everyday life, with books of Italian grammar, vocabulary and trivial children's literature piling on the desk only with the daily pasta dish as a monotonous interruption of the studies in prospect, this kind of question seems appropriate. Truth be told, globally seen it is obviously not of great importance to be proficient in the Italian language. Also the rents in Rome are high, but the heaters unfortunately cold. The busses are unreliable and the street vendors annoying. The TV program dull and the men sleazy. The neighbors noisy, the traffic murderous. So what was it about this horrible place that I thought so enticing?

Vielleicht war es ein Kunstwerk, das mir seit meinem ersten Besuch der ewigen Stadt einfach nicht aus dem Sinn ging. Ziemlich naiv stand ich vor fünf Jahren im Petersdom vor einer Marmorskulptur, in der ich dank meiner rudimentären kunsthistorischen Kenntnisse die trauernde Maria mit dem Leichnam des erwachsenen Christus auf dem Schoß erkennen konnte. Dass dieses Werk aber einen so namhaften Urheber hat, ahnte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Und auch von jeglicher religiöser Verehrung war meine Faszination für dieses Meisterwerk völlig losgelöst. Und doch hat mich die Pietà von Michelangelo mehr berührt als es je ein anderes Kunstwerk bis heute vermochte. Noch nie hatte ich einen tatsächlichen Stein gesehen, der so weich, so fließend, so zart, so traurig, so verletzlich und so erhaben aussah wie dieser. Die Aura dieser Figuren hielt mich mehrere Minuten gefangen, bevor ich mit dem Rest der Gruppe meinen Weg fortsetzen musste. Aber die Begeisterung nahm ich mit mir.

Maybe it was a particular piece of art that I could not get off my mind since my first visit of the eternal city. Five years ago I found myself simpleheartedly looking at a marble sculpture in Saint Peter, that I was able with my rudimentary knowledge of art history to identify as the mourning Holy Mary with the dead body of Jesus Christ on her lap. At this point I was absolutely clueless about the well-known creator of this masterpiece. And my admiration was also absolutely isolated from any possible religious worship. Yet still the Pietà by Michelangelo had touched me more than any other work of art was ever able to touch me. Never had I seen an actual stone, that looked so soft, so flowing, so tender, so sorrowful, so vulnerable and so sublime like this one. The aura of the sculpture held me captured for several minutes until I was forced to continue my way with the rest of the group. But the pure fascination I took with me.

Vielleicht war es aber auch die italienische Sprache selbst, die mir eine intensive Auseinandersetzung wert schien. Tatsächlich kam ich schon früh in Berührung mit ihr, aber im Klavierunterricht waren Bezeichnungen wie "Adagio", "Fermate" oder "Pianissimo" damals nur eine Terminologie, die ich losgelöst von irgendeinem Sprachfluss auswendig lernen musste und verwendete. Erst später im Kontext der schönen Literatur fielen dann Namen wie Dante, Petrarca oder Boccaccio, die in ihren Werken zum ersten Mal eine Sprache verwendeten, die man als "volgare" bezeichnete, dessen Klang mir aber alles andere als ordinär schien.

But maybe it even was the language itself, that seemed to me to be worth a closer occupation. In fact I early came into contact with Italian, but in my piano lessons names like "adagio", "fermate" or "pianissimo" were mere terminology, that I had to memorize and use totally detached from any speech-flow. It was not until later in the context of belles lettres that I was confronted with names like Petrarca, Dante or Boccaccio, who for the first time used for a language for their works, that was called "volgare", but which sounded anything but vulgar to me.

Und vielleicht war es auch kein Zufall, dass kurze Zeit später statt rockigen Gitarrenriffs plötzlich virtuos gesungene Koloraturen oder angenehme Vibrati meine Stereoanlage immer öfter zum Beben brachten. Ganz zu schweigen von meinen eigenen bescheidenen stimmlichen Erfolgserlebnissen auf Italienisch, die eine geduldige und aufmerksame Lehrerin aus meinem ungeübten Körper heraufbeschwören konnte. Schnell wurde mir bewusst, wie ideal sich das Italienische eignete, um zu Musik erhöht zu werden und eine traumhafte artistische Gefühlswelt zu erschaffen, die einzig auf der Opernbühne zu vollendeter Realität wird. Kein Wunder also, dass die Geburtstätte dieser Kunstform hier in Italien zu finden ist.

And maybe it wasn't a coincidence that shortly afterwards my speakers were not longer rattling of rock guitar riffs but were trembling of masterly sung coloraturas or pleasant vibratos. Not to mention my own humble vocal experiences of achievement in Italian, that a patient and attentive teacher was able to extract from my untrained body. Soon I realized how ideally the Italian language qualified for being elevated into music and thus creating a dreamlike artistic world of sentiment, that solely can be put into its perfect reality on the opera stage. No wonder that the birthplace of this art form is to be found here in Italy.

Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick' ich
Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?
Ahn' ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer,
Zu ihr und von ihr zu geh'n, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht' ich Kirch' und Palast, Ruinen und Säulen,
Wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei; dann wird ein einziger Tempel,
Amor's Tempel, nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.

(I. Römische Elegie, Johann Wolfgang von Goethe)

Aber vielleicht war es auch etwas gänzlich Unbestimmbares, das mich in diese Stadt gelockt hat. Etwas, das schon viele Schriftsteller gespürt haben müssen und das zu zahllosen Kunstwerken inspiriert hat und immernoch inspiriert. Ob Edgar Allan Poe oder Rainer Maria Rilke, Friedrich Hebbel oder Horaz, Franz Grillparzer oder Oscar Wilde; sie alle wurden berührt von der Schönheit dieser Hauptstadt der Welt mit ihren unzähligen Kunstschätzen, deren Ausstrahlung allgegenwärtig ist und einem in der reinen Betrachtung eine Ahnung von jener Ewigkeit offenbaren kann, die mit diesem Ort so selbstverständlich in Verbindung gebracht wird.

However, maybe it was something completely undefinable, that lured me into this city. Something, that many authors have felt; that inspired them to innumerous pieces of art and still does. Edgar Allan Poe or Rainer Maria Rilke, Friedrich Hebbel or Horaz, Franz Grillparzer or Oscar Wilde; all of them were touched by the beauty of this capital of the world and its many art treasures, whose presence is ubiquitous and can reveal in the sheer observation a glimpse of that eterny, which is always so naturally associated with this piece of ground.

The Coliseum

Lone ampitheatre! Grey Coliseum!
Type of the antique Rome! Rich reliquary
Of lofty contemplation left to Time
By buried centuries of pomp and power!
At length, at length - after so many days
Of weary pilgrimage, and burning thirst,
(Thirst for the springs of love that in thee lie,)
I kneel, an altered, and an humble man,
Amid thy shadows, and so drink within
My very soul thy grandeur, gloom, and glory.

[...]

These crumbling walls; these tottering arcades;
These mouldering plinths; these sad, and blacken'd shafts;
These vague entablatures; this broken frieze;
These shattered cornices; this wreck; this ruin;
These stones, alas! - these grey stones - are they all;
All of the great and the colossal left
By the corrosive hours to Fate and me?

[...]

(The Coliseum, Edgar Allan Poe)

In solchen Gedanken versunken lehne ich mich in meinem Stuhl am Schreibtisch zurück und bemerke ein paar zaghafte Sonnenstrahlen, die durch meine zugezogenen Vorhänge fallen. Ich stehe auf, ziehe die Gardinen zurück und öffne beide Balkontüren. Ich halte kurz inne; mit ausgebreiteten Armen und Händen an den Türflügeln hindere ich diese daran wieder zuzufallen und atme die noch regenschwere Luft. Dann kehre ich zu meinem Arbeitsplatz zurück. Nach wenigen Mausklicken ertönt ein lyrisches "Quando m'en vo" aus den viel zu kleinen Lautsprechern, bevor ich mich draußen auf dem Balkon auf einer kleinen Holzbank niederlasse und die letzten Sonnenstrahlen des Tages die aufgeschlagenen Buchseiten der "Canzoniere" und meine eigenen Gesichtszüge erhellen.

Engrossed in this trail of thoughts I lean back in my chair at my desk and notice a few timid rays of the sun, that gleam through my closed curtains. I get up, part the drapes and open both of the balcony doors. I pause; with outstretched arms and hands I prevent the leafs from closing again and breathe the air that is still heavy with rain. Then I return to my working place. After few mouse clicks a lyrical "Quando m'en vo" sounds from my much too small speakers; after that I take a seat on the small wooden bench on the balcony and let the last rays of the day enlighten the pages of the "Canzioniere" and my own soft facial features.